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Maximilian Holst: „Die HSG Wetzlar zeichnet Stabilität aus!“

+ Abschiedsinterview +

Bild: Oliver Vogler

Er war der dienstälteste Spieler im Trikot des Handball-Bundesligisten HSG Wetzlar. Seit Sommer 2014 lief Maximilian Holst 213 Mal für die Grün-Weißen auf und erzielte dabei stolze 897 Tore, viele davon von der Siebenmeterlinie. Mit dem Ende der abgelaufenen Spielzeit zog der 33-jährige Familienvater einen Schlussstrich unter seine erfolgreiche Karriere und verabschiedete sich vom aktiven Handballsport. Zwar wird Holst der HSG Wetzlar in der kommenden Saison noch als Standby-Spieler zur Verfügung stehen, sein Fokus liegt allerdings nunmehr vollends auf Familie und Beruf. Im Interview blickt der Linksaußen auf seinen wichtigsten Spielen, seinen schönsten Moment und die besten Plätze in Mittelhessen. 

Max, wenn Du heute zurückblickst, hättest Du im Sommer 2014 gedacht, dass Du acht Spielzeiten in Mittelhessen bleibst?

Ich hatte keine Verbindung vorher nach Hessen und kannte außer den früheren Großwallstädtern Jens Tiedtke und Andreas Wolff sowie meinem „alten Trainer“ Kai Wandschneider niemanden. Ich hatte echt wenig Vorstellung, was auf mich zukommen würde. Dazu habe ich mich dann in der ersten Saison auch noch schwer verletzt.  

Du hast Dir damals das Kreuzband gerissen! Ein Schockmoment für Dich und die Mannschaft!

Ja, das war gleich zu Beginn der Saison. Ich habe die komplette Vorbereitung mitgemacht, habe mich sehr auf die Saison gefreut und habe beim ersten Bundesligaspiel in Minden mitgespielt. Dann stand ein Pokalspiel gegen Kiel auf dem Plan und beim Abschlusstraining habe ich mir das Kreuzband gerissen. Ich hatte es erst gar nicht gemerkt und war abends bei Steffen Fäth zuhause. Plötzlich ist mein Knie stark angeschwollen. Das war der erste Kreuzbandriss, der zweite folgte zwei Jahre später.

Beim Pokalturnier in Coburg! Wieder zu Saisonbeginn.

Ja, genau! Die Vorbereitung lief gut und hatte in der Saison zuvor stark gespielt. Dann kam Coburg. Ich bin einen Tempogegenstoß zusammen mit Kristian Björnsen gelaufen, habe getroffen und beim Landen wusste ich sofort, dass das Kreuzband wieder gerissen ist. Das war ein blöder Zeitpunkt, weil es sportlich so gut bei mir lief. Durch die beiden Verletzungen habe ich fast zwei ganze Spielzeiten in meiner Karriere verpasst.  

Was würdest Du heute dem jüngeren Max raten?

Puh. Vielleicht würde ich mir sagen, dass ich nicht ganz so verbissen sein soll. Ich kam hier mit Anfang Zwanzig her und haben mich über jeden verworfenen Ball extrem aufgeregt. Das war die ersten Jahre echt auffällig, mit etwas Abstand sieht man das nicht mehr ganz so schlimm.  

Wie hast du Dich persönlich in der Zeit hier verändert?

Innerhalb meiner Profizeit bin ich ruhiger geworden. Auch jetzt rege ich mich immer nochmal über Mitspieler, Gegenspieler oder auch mal die Schiedsrichter auf, aber das war früher deutlich extremer. Natürlich ist man immer noch ehrgeizig und möchte jedes Spiel gewinnen, aber inzwischen bin ich einfach gelassener. Früher hat sich mein Leben wirklich „24/7“ um Handball gedreht und nach einer Niederlage durfte zwei Tage lang niemand mit mir sprechen. Auch der Konkurrenzgedanke war deutlich extremer, weil ich jede Sekunde spielen und mich so weiterentwickeln wollte. Am Ende ging es dann doch viel mehr um den Mannschaftserfolg als früher. Auch die Rolle im Team hatte sich verändert, als Kapitän hat man nochmal andere Aufgaben. 

Wie hat sich der Handball in 15 Jahren Profikarriere verändert?

Zu Beginn meiner Karriere habe ich noch miterlebt, wie im Bus zum Auswärtsspiel geraucht wurde. Es war derber und es gab viel größere Rangordnungen als heute. Widerworte oder Trainingsfouls von jüngeren Spielern waren tabu. Heute sind Hirarchien viel aufgeweichter. Ich würde sagen, es gibt da kein richtig oder falsch, wie eine Mannschaft funktionieren soll, sondern es war einfach eine andere Zeit. Als ich nach Wetzlar kam, kannte ich natürlich schon einige Spielzüge von Kai, weil er auch schon in Dormagen mein Trainer war und wir hatten teilweise eine ältere Mannschaft, sodass die Belastung im Training deutlich geringerer war als mit einer ganz jungen Mannschaft. Mit Ben Matschke hat sich im vergangenen Sommer natürlich nochmal viel verändert. Kai war eher ein traditioneller Trainer und Ben lebt die Moderne, mit allem, was dazugehört. Das sind unterschiedliche Philosophien, wobei keins besser oder schlechter ist. Letztlich ist Handball ein Spiel und das Rahmenkonzept muss stimmen. Insgesamt ist der Handball schneller und athletischer geworden. Der Fokus liegt inzwischen mehr auf dem Gewinnen von Zweikämpfen.

Wer war Dein bester Mitspieler in Wetzlar?

Das weiß ich nicht. Ich würde vielen Unrecht tun, wenn ich sie nicht nennen würde. Es gab menschlich herausragende Leute, es gab sportliche überragende Mitspieler. In jeder Mannschaft waren unterschiedliche Charakter und so viele Nationalspieler, die deutlich mehr Talent als ich hatten. Deswegen bin ich umso glücklicher, dass ich so viele Jahre mithalten konnte. Mit vielen bin ich immer noch befreundet. Es ist immer schön, wenn man alte Teamkollegen wieder trifft. 

Wie war die Zusammenarbeit mit Deinen Partnern auf Linksaußen?

Es wollte immer jeder auf der Platte stehen und es gab ordentlich Konkurrenzkampf, das gehört dazu. Solange das respektvoll und fair abläuft und der Bessere spielt, sollte man das akzeptieren. Respekt, Fairness und Ehrlichkeit gehören dazu. Letztlich ist es ein Mannschaftssport und der Erfolg des Teams steht immer ganz oben, auch wenn man natürlich selbst spielen möchte. Letztlich bin ich ein sehr harmonischer Mensch und nicht auf Konfrontationen aus. 

Was war Dein schönster grün-weißer Moment?

Das wurde ich zuletzt sehr oft gefragt und ganz ehrlich, es war der Moment beim letzten Saisonspiel jetzt gegen Minden als ich mit meiner Tochter im Arm einlaufen durfte. Klar gibt es besondere Spiele, wo die Mannschaft tolles geleistet hat, man selbst toll gespielt hat, aber nach 15 Profijahren mit meiner Tochter einzulaufen, war ganz besonders.  

An welche Partien denkst Du noch besonders gerne zurück?

Schon als Kind hatte ich ein Trikot vom THW Kiel, dem besten Verein der Welt. Dementsprechend waren Spiele gegen Kiel auch immer absolute Highlights. Für mich hatte früher nie eine Mannschaft so einen Stellenwert wie Kiel und dann gegen die Zebras zu gewinnen, ist unglaublich. Das Pokalviertelfinale gegen Stuttgart und die Qualifikation für die Pokal-Endrunde war ein emotionales Highlight, weil wir das unbedingt schaffen wollten. Das absolute Gegenteil war dann das Final Four-Turnier selbst. Diese schwache erste Halbzeit im Halbfinale gegen Hannover. Vor dieser Kulisse in Hamburg so zu verlieren, war echt bitter. 

Was waren Highlights für Dich neben der Platte?

In meinen ersten Jahren hatten wir Spieler aus vielen verschiedenen Regionen Europas im Team. Dadurch ergab sich auch sowas wie ein südländisches Lebensgefühl. Wir haben beispielsweise sehr viel zusammen gekocht. Ein Abend bleibt mir besonders in Erinnerung. Die Frau von Guillaume Joli war hochschwanger und wir hatten bei ihnen zuhause Paella gekocht. Sie hatte zwar schon erste Wehen, aber für die Familie Joli war es ganz normal, dass die Wohnung noch voller Handballer saß. Noch in dieser Nacht kam das Kind zur Welt. In dieser Zeit sind bei uns im Team einfach viele schöne Multi-Kulti-Sachen passiert.

Hinter Nebojša Golić bist Du der zweitbeste Torschütze der HSG Wetzlar in der Bundesligageschichte, wie fühlt sich das an?

Ich bin darauf natürlich sehr stolz. Ich glaube, Tore sind nicht das Wichtigste im Handball, aber es macht mich glücklich, dass ich so lange in einem Verein gespielt habe und Teil des gemeinsamen Erfolges war. Natürlich hätte ich Golic gerne überholt, da fehlen mir einfach die Spiele der Verletzungsjahre, sonst hätte ich das höchstwahrscheinlich geschafft. 

Stichwort Corona: Wie anstrengend waren die zwei vergangenen Jahre?

Körperlich war es ähnlich wie zuvor, aber vom Kopf her war es einfach komisch ohne Fans Handball zu spielen. Man konnte weniger planen, weil Spielabsagen und Nachholtermine immer wieder im Raum standen. Alles Zwischenmenschliche, was den Mannschaftssport ausmacht, ist weggefallen. Nach dem Training in der Kabine zu sitzen, hat einfach gefehlt und das werde ich auch in der Zukunft vermissen. Dieser Teamgedanke und Späße in der Kabine sind einfach nicht zu ersetzen und anders als im normalen Berufsleben.  

Was macht die HSG Wetzlar so besonders?

Es ist einzigartig, dass die Fans immer hinter der Mannschaft stehen. Egal, ob wir im Final Four zur Halbzeit mit 4:15 zurücklagen oder sonst schlecht gespielt haben, sie sind immer da. Es sind einfach sehr viele Menschen rund um den Club, die mich lange begleitet haben. Nur ein kleines Beispiel ist, dass ein Ordner seit meinem ersten Heimspiel am gleichen Platz steht und wir uns immer kurz begrüßen. Das ist eine Stabilität, die nicht oft bei Profivereinen gegeben ist, weil sonst viel Fluktuation herrscht. Diese Stabilität zeichnet die HSG Wetzlar aus. 

Ist Mittelhessen in acht Jahren Deine zweite Heimat geworden?

Auf jeden Fall! Das ist meine Heimat jetzt für mich und meine Familie. Vorher hätte ich gedacht, dass es uns wieder in Richtung Rheinland zieht, aber es hat sich schnell herauskristallisiert, dass wir hier viele Freunde finden und Bindung haben werden. Die Region ist schön, die Stadt ist toll! Wir fühlen uns heimisch und wollen hierbleiben. Wetzlar ist unser Zuhause. 

Was ist Dein Lieblingsort in Mittelhessen?

Die Wetzlarer Altstadt auf jeden Fall. Mit den schönen Fachwerkhäusern hat man immer direkt ein Urlaubsgefühl. Am Samstag mal auf den Markt zu gehen und mit einem Kaffee entspannt ins Wochenende zu starten, ist super. Ich schätze sehr die Natur und bin gerne mit unserem Hund Poldi im Wald unterwegs. Ich bin zwar zwischendurch auch mal gerne in Köln, aber danach freue ich mich immer wieder auf zuhause. 

Wo siehst du die HSG Wetzlar in fünf Jahren?

Ich gehe davon aus, dass der Club weiterhin in der 1. Liga spielen wird. Ich hoffe, dass es ein Club ist, dem man gerne zuschaut, der attraktiven Handball spielt und mit dem man sich identifizieren kann. Die HSG Wetzlar sollte weiterhin als Aushängeschild der Region fungieren und Kinder zum Handballspielen motivieren. 

Wie wirst Du die Geschehnisse hier vor Ort weiterverfolgen?

Ich werde auf jeden Fall die Spiele schauen und bei Teilen des Trainings immer wieder dabei sein. Ich hoffe aber, dass ich kein großer Teil des Geschehens sein werde. Das würde nämlich bedeuten, dass sich Emil Mellegard oder Lukas Becher verletzt hätten und das wünsche ich ihnen natürlich nicht. Ich bin da, wenn ich gebraucht werde, aber wünsche beiden maximale Gesundheit. Ich möchte das Team weiter unterstützen und für gute Stimmung sorgen, wenn die Jungs es brauchen. 

Wird Dein Bart im handballerischen Ruhestand noch länger?

Das könnte gut sein (lacht). Er wird auf jeden Fall nicht abrasiert, sonst sehe ich schnell wieder aus wie ein Teenager. 

Nächstes Spiel

01.09.2022 - 19:05 Uhr
Arena Nürnberger Versicherung

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