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"Die Platzierung ist eine Momentaufnahme" - Ben Matschke im Interview

+ Von Beginn an ein grundgutes Gefühl +

Bild: Oliver Vogler

Ben, ihr habt mit der HSG Wetzlar auf dem fünften Platz überwintert. Wenn dir das jemand vor der Saison gesagt hätte, hättest du es wahrscheinlich eingekauft, oder?

Ich denke, das hätten alle hier im Verein unterschrieben (lacht). Dass aktuell so viele Mannschaften hinter uns stehen, die einen höheren Etat haben als wir, ist natürlich toll. Diese Platzierung ist sicherlich auch eine Motivation für die anstehenden Aufgaben, aber es ist zugleich eben auch nur eine Momentaufnahme. Es wird noch eine lange Saison. Wir haben jetzt noch 14 Spiele vor uns - und einen sehr schweren Rückrundenauftakt.

Bevor wir auf den Rest der Rückrunde schauen, ein Blick zurück: Seit dem 18. Januar bist du mit deiner Mannschaft wieder im Training, davor hattet ihr - nach dem Weihnachtsspieltag - einen Atempause von rund drei Wochen. Wie wichtig war diese Zeit für dich?

Es war meine Chance, die Eindrücke des ersten halben Jahres in Wetzlar ein bisschen zu verarbeiten. Ich hatte bereits nach dem Sieg gegen Kiel gesagt: Es ist nicht die Zeit, so ein Spiel einfach mal sacken zu lassen; wir waren drei Tage später in Minden und dann in Lübbecke. Erst über Neujahr hatte ich die Ruhe, um zurückzublicken und festzustellen: Speziell in der zweiten Hälfte der Hinrunde waren wir ergebnistechnisch bereits sehr erfolgreich. Als Trainer sehe ich natürlich immer Dinge, die wir noch verbessern können, aber die Ergebnisse haben gestimmt - und ich war wirklich sehr zufrieden und erleichtert.

Erleichtert?

Im Sommer bin ich frisch in den Verein gekommen und habe versucht, in einer eingespielten Mannschaft neue Impulse zu setzen und ein neues System zu implementieren. Dass meine Ansätze hier bei den Verantwortlichen und der Mannschaft auf viel Offenheit und Unterstützung gestoßen sind, macht mich glücklich - und dass dann auch die Ergebnisse stimmen, ist natürlich eine Erleichterung.

Wie würdest du deine ersten Monate rückblickend zusammenfassen?

Ich hatte von Beginn an ein grundgutes Gefühl. Ich habe die Mannschaft im Sommer - wohlgemerkt nach einer sehr langen Saison - eine Woche früher aus dem Urlaub geholt und alle haben klaglos mitgezogen. Und obwohl wir am Anfang nicht so erfolgreich waren und einige Spiele verloren haben, ist nie eine Systemfrage entstanden. Es drehte sich alles nur darum, wie wir gemeinsam besser werden. Und es ist nicht nur die Arbeit mit der Mannschaft - auch die Arbeit mit dem Team ums Team, mit der Geschäftsstelle und der Geschäftsführung machen mir sehr viel Spaß.

Es war oft die Rede davon, dass du als Nachfolger von Kai Wandschneider in große Fußstapfen trittst; du hast die Umstellung eben selbst angedeutet. Was ist aus deiner Sicht der größte Unterschied? 

Ich glaube, dass sich viel geändert hat, aber ich habe es vermieden, Vergleiche zu ziehen. Ich habe hier im Club sehr gefestigte Strukturen vorgefunden und ein stabiles Mannschaftsgefüge. Mein tägliches Arbeiten sowie die Art und Weise, wie ich Handball verstehe, sind schon konträr zu Kai.

Kannst du mit deiner Art die Fußstapfen ausfüllen, die er hinterlassen hat?

Das Thema Fußstapfen kommt immer nur von außen. Intern sprechen wir nie über die Vergangenheit, sondern schauen nur nach vorne. Die Verantwortlichen haben mir von Anfang an klar gemacht, dass ich ganz Ben Matschke sein und meine Denke einbringen und Art des Arbeitens vollends einbringen soll. Ich versuche einen anderen Weg zu gehen und bin froh, dass dies volle Unterstützung erfährt. Wir haben im Sommer gemeinsam einen Haken an die Vergangenheit gemacht und es ist eine neue Zeit mit neuen Spielern angebrochen. Bei der HSG Wetzlar wollen hier jetzt gemeinsam eine neue Geschichte schreiben.

Bei den Eulen Ludwigshafen kannte dich jeder, in Wetzlar bist du erstmal „der Neue“ gewesen. Welche Umstellung hat das für dich persönlich bedeutet?

Das war unter anderem ein Grund, warum ich Ludwigshafen nach vielen Jahren verlassen habe. In Wetzlar musste ich mich als Person Ben Matschke komplett neu beweisen und das hat mich unheimlich gereizt. Dieser Kennlernprozess ist auch noch nicht abgeschlossen. Ich habe wahnsinnig Lust, eine nähere Bindung zu den Fans und den Sponsoren aufzubauen; das ist bisher aufgrund von Corona leider noch nicht möglich gewesen. Ich will die Tradition dieses Vereins noch mehr spüren. Als Trainer geht es nicht nur um den Handball; man kann in der täglichen Arbeit und im Miteinander viel transportieren, um eine Gemeinschaft aufzubauen.

Was macht es für einen Unterschied, dass du mit deinem Team - anders als mit den Eulen - nicht im Abstiegskampf steckst?

Ich habe dadurch nicht weniger Druck, der Druck verlagert sich lediglich. Wir haben in Wetzlar ebenso wie jede andere Mannschaft unsere Ziele und das heißt beispielsweise, dass wir Spiele wie gegen Minden oder Lübbecke gewinnen müssen, um diese Ziele zu erreichen. Selbst ein Sieg gegen Kiel ist nichts wert, wenn wir solche Punkte liegen lassen würden. Sicherlich ist ein Existenzkampf wie in Ludwigshafen, wo wir immer zweigleisig planen mussten, noch eine andere Belastung, aber den tagtäglichen Ergebnisdruck spüre ich auch hier.

Was bedeutet das für den Arbeitsalltag eines Trainers?

Ich weiß nicht, ob es allen Trainern so geht, aber: Nach einem Sieg bin ich meistens eher erleichtert als vor Freude auszuflippen, denn die nächste Ausgabe steht unmittelbar vor der Tür. Nachdem wir gegen den THW Kiel gewonnen hatten, habe ich mich natürlich gefreut, aber acht Stunden später saß ich auch schon wieder am Video, um das Spiel in Minden vorzubereiten. Nach dem Sieg gegen Melsungen hatte ich mich sofort gefragt: Wie fängst du die Mannschaft jetzt ein? Als Trainer hast du einfach keine Zeit, denn nichts ist vergänglicher als der Erfolg in der Vergangenheit. Als Spieler kannst du deinen Emotionen hingegen auch mal mehr Raum lassen; das ist sogar notwendig, um sich mental zu erholen.

Bleiben wir bei dem Erfolg gegen Kiel, weil es eins der Highlights aus eurer Hinrunde ist: Gab es denn nach dem Spiel wenigstens einen Moment, wo du die Freude ungetrübt genießen konntest?

Natürlich konnte ich danach ein paar Momente in der Halle mit den Fans genießen und das hat auch gutgetan. Letztendlich ist es aber auch nicht das reine Ergebnis, was mich antreibt. Es geht nicht um das 31:30 auf der Anzeigetafel, sondern um das Gefühl, wenn die Mannschaft funktioniert, wenn gemeinsam etwas entsteht, wenn die Gruppe funktioniert. In solchen Momenten verspüre ich pure Freude. 

Kannst du das etwas genauer erklären?

Nach dem Spiel in Lübbecke habe ich alleine im Kabinengang gesessen und der Mannschaft zugehört, wie sie gemeinsam feiert. In dem Moment war ich ein Stückweit stolz darauf, war hier in den vergangenen Monaten gemeinsam entstanden ist. Denn nach einem Sieg sollen sich eben nicht nur sieben Spieler freuen, sondern alle. Das Team um das Team soll mit Spaß dabei sein. Jeder Einzelne - ob Spieler oder Staff - soll das Gefühl haben: Ich habe meinen Teil zu diesem Erfolg beigetragen. Für diese Stimmung und das Miteinander ist ein Trainer maßgeblich verantwortlich - und jedes Ergebnis ist aus meiner Sicht ein Resultat dieser Arbeit.

Blicken wir abschließend noch kurz auf die anstehende Rückrunde: Welcher Platz ist für euch am Ende wirklich drin?

Wir müssen erst einmal abwarten, wie alle Mannschaften nach der Europameisterschaft in die ersten Wochen reinkommen und welche Rolle Verletzungen und Corona spielen werden. Es sind ja jetzt schon ein paar Partien wegen Infektionen abgesagt worden. Dass bei uns alle Spieler weitestgehend gesund waren, war sicherlich ein Faktor dafür, dass wir so eine gute Hinrunde spielen konnten. Für uns wird es sportlich eine herausfordernde Rückrunde. Wir haben viele Mannschaften aus dem oberen Drittel zu Hause, während wir bei vielen Mannschaften aus dem unteren Drittel auswärts gefordert sind. Und aus der Erfahrung weiß ich: Wenn du im April oder Mai nach Balingen oder Stuttgart fahren musst, ist das brutal. Deshalb wird es sehr spannend und ich will mich, was die Platzierung angeht, nicht festlegen. Dass wir alle maximal ehrgeizig sind, sollte mittlerweile jeder gemerkt haben.

Quelle: Handballworld: https://www.handball-world.news/o.red.r/news-1-1-1-139651.html

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