Mutmacher hinten, Chancenwucher vorne
»Das«, so Jasmin Camdzic, »ist nicht befriedigend.« Der sportliche Leiter der HSG Wetzlar saß alleine auf der Tortribüne der Dutenhofener Sporthalle. »Um einen anderen Blick aufs Spiel zu bekommen«, wie er erklärte. Doch gleichgültig, welchen Blick man auch wählte: Die 28:33 (13:14)-Niederlage des heimischen Handball-Bundesligisten im Testspiel gegen den Dessauer/Roßlauer HV ist natürlich nicht befriedigend.
Na klar: Ein Test ist ein Test und nichts anderes als ein Test. Aber nicht nur dem sportlichen Leiter dürfte das Auftreten der Grün-Weißen vor allem im zweiten Abschnitt wenig begeistert haben. Phasenweise lagen die Gastgeber in diesem Spiel, das ohne Zuschauer ausgetragen wurde, wie beim 23:32 nach 55 Minuten mit bis zu neun Treffern zurück. Erst ein kleiner Endspurt mit einem Doppelpack von Lion Zacharias und einem feinen Treffer von Dominik Mappes gestaltete das Ergebnis noch erträglich. Aber eben nicht befriedigend.
Entschuldigungen für die Niederlage des heimischen Aushängeschilds gibt es natürlich. Mit Filip Vistorop und Cyrill Akakpo fehlten zwei Neuzugänge angeschlagen. Die anderen Spieler hatten beinharte Trainingstage hinter sich, die vor allem nach der Pause ihr Tribut forderten. Und so nahm Trainer Momir Ilic die Niederlage recht locker: »Ehrlich gesagt, habe ich so etwas erwartet, weil wir vorher ungeheuer gut und hart trainiert haben.«
In der ersten Halbzeit zeigte die HSG phasenweise, was an Leistungsvermögen in ihnen stecken kann. Da durfte der immer noch neue Cheftrainer schon mal applaudieren, wenn die neu formierte Abwehr um Nikola Grahovac sich Bälle vom angriffslustigen Zweitligisten stibitzte. Da durfte Ilic auch zufrieden dreinblicken, wenn die grün-weißen Angriffe mit viel Tempo vorgetragen wurden. Und zumeist im Mittelpunkt: Nikola Grahovac: Der Kroate scheint die ihm zugedachte Rolle des Abwehrorganisators bereits angenommen zu haben. Der Mann kann der Vorarbeiter der grün-weißen Defensivkolonne werden. »Ja«, bestätigte in der Pause denn auch Camdzic, »er kann der Chef sein. Die Kompaktheit in der Abwehr gefällt mir bislang gut.«
Die Kompaktheit in der Abwehr ging allerdings nach dem Seitenwechsel flöten. Da spielte sich zwar Ahmed Nafea kurzzeitig ins wenig grelle Rampenlicht des Tages. Der Linksaußen zeigte nicht nur Treffsicherheit, sondern überzeugte auch auf der Halbposition in der Abwehr. Doch auch der Ägypter ließ sich irgendwann vom Wetzlarer Virus anstecken, der einen altbekannten Namen hat: Chancenwucher. Chancenwucher bleibt das Thema der HSG. Denn sowohl Stefan Cavor als auch Philipp Ahouansou und nicht nur Niklas Theiß, sondern auch Dominik Mappes zogen so einige unnötige Tickets am ungeliebtesten Fahrkartenautomaten des Sports, auf dem Chancenwucher groß geschrieben prangt.
Diesen Automaten umging wiederum Josip Simic recht geschickt. Der Kreisläufer steuerte drei feine Treffer bei und unterstrich den Eindruck, dass die Neuzugänge allesamt Mutmacher für die Domstädter sind. Auch wenn die Partie gegen den Zweitligisten am Ende nicht befriedigend war. Schwamm drüber: Am Samstag steht der nächste Test für die HSG an. Auch dann ohne Zuschauer. Aber vielleicht mit mehr Treffsicherheit.
Wetzlar: Ravensbergen (1.-30.), Suljakovic (30.-60.); Grahovac (1), Mappes (4), Theiß (3/1), Simic (3), Ahouansou (5/1), Schoch, Weimer, Müller, Löwen (3), Zacharias (2), Zaum, Pantel, Cavor (2), Nafea (5).
Bericht geschrieben von Karsten Zipp.










